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»Kann man etwas nicht verstehen, dann urteile man lieber gar nicht, als dass man verurteile.«
Rudolf Steiner

Klassenspiele - ein wesentlicher Teil unserer Pädagogik

Die Schülerinnen und Schüler der 12. Klasse erarbeiten sich unter Anleitung eines Lehrers ein abendfüllendes Theaterstück, das in einem öffentlichen Rahmen aufgeführt wird. Dabei soll in möglichst weitgehender Selbständigkeit die Organisation der Aufführung von den Schülern und Schülerinnen übernommmen werden, wobei sie sich in vielen Arbeitsgruppen engagieren können, so dass nicht nur die eigene Rolle, sondern der Gesamtablauf der Inszenierung im Vordergrund steht. Es wird angestrebt, dass spätestens ab der Premiere die Klasse als selbständiges Ensemble auch ohne Spielleiter auf Tournee gehen könnte.

In vorbereitenden und begleitenden Arbeitsgruppen  werden unter gelegentlicher Einbeziehung von Fachleuten alle Bereiche für eine erfolgreiche Aufführung erarbeitet und eigenverantwortlich betreut: Beleuchtung, Kulissen, Dekoration, Requisiten, Masken, Kostüme, Musik und Ton, Werbung, Graphiken, Plakate, Photos, Programmheftgestaltung, Dramaturgie, Regie, Terminplanung, Ablauforganisation, Tagesdienst, Teambetreuung, Kassenführung, Soufflieren, Umbau, Inspizienz....

Erst im Geflecht dieser Aufgaben vor und nach der Aufführung, vor und hinter der Bühne, kann das Klassenspiel seine erzieherische Wirkung ganz entfalten: nämlich als ein Gesamtkunstwerk, dessen Wert nicht nur in der gelungenen Aufführung, sondern auch in der Vorbereitung und Begleitung desselben liegt.
Die Wahrnehmungsfähigkeit und Willenskraft der Schüler und Schülerinnen muß sich hier insbesondere auch auf dem sozialen Feld bewähren, denn nicht den begabten Einzelnen gilt es zu fördern, sondern alle Beteiligten - mit ihren Stärken und Schwächen - haben das Klassenspiel als ein gemeinsames "Ganzes" zu gestalten.

Jeder Schüler soll seinen Part individuell gestalten lernen, wobei er die Gesamtkonzeption der Produktion berücksichtigen und unterstützen muss. Er gewinnt einen Einblick in die Grundlagen der Regiearbeit und lernt durch praktischen Einsatz die Grundlagen der Aufführungspraxis von der Bühnentechnik bis zur Begleitorganisation kennen- und handhaben.

Zusammen mit der Kunstfahrt und der Jahresarbeit ist das 12.Klasspiel Bestandteil des Waldorfschulabschlusses der Freien Waldorfschule Kiel und kann als Höhepunkt des muttersprachlichen Unterrichtes in der Waldorfschule angesehen werden.

"Die Schüler und Schülerinnen müssen nicht nur ein theoretisches Verständnis für den Text entwickeln, dieser muß auch durch Gestik, Mimik und Sprachführung interpretiert werden. Viele Übungen aus dem muttersprachlichen Unterricht der vorhergehenden Jahre kommen den Schülern und Schülerinnen dabei zugute: Sprachübungen helfen die Kraft und Deutlichkeit der Artikulation zu schulen, regelmäßiges Rezitieren hat die Empfindung geschult, Laute als seelische Gebärde wahrzunehmen.

Während der Proben wird am Erleben sprachlicher Qualitäten weitergearbeitet: etwa Satzbogen zwischen Spannung und Entspannung, das Element der Pause, der Ausruf, die rhetorische Frage usw. als dramatischer Höhepunkt u.v.m. Diese sprachlichen Qualitäten müssen die Schüler und Schülerinnen nun auch in individualisierte Bewegung, Gestik und Mimik verwandeln in der Weise, dass die einzelne Darstellung jeweils auch die künstlerische Gesamtkonzeption der Aufführung mitgestaltet. Hier gilt es, die Gefahren subjektiver Willkür auf der einen und laienhafter Klischees auf der anderen Seite zu meiden. Gefragt ist die individuelle Interpretation, die spürbare Kraft und Freude an der Gestaltung, die aber aus der Wahrnehmung der Mitschüler (in ihrer Rolle wie in ihrer Persönlichkeit), der Regieanweisungen (aus dem Verständnis der Gesamtkonzeption) und der eigenen Rolle erwachsen sollte."  Ralf Becher