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»Kann man etwas nicht verstehen, dann urteile man lieber gar nicht, als dass man verurteile.«
Rudolf Steiner

Das Landbau-Praktikum in der 9. Klasse

Das Landbaupraktikum in der 9. Klasse findet über einen Zeitraum von zwei Wochen auf einem Demeter-Hof in der Nähe Kiels statt. Es bildet den Abschluß des an der FWS Kiel erteilten Gartenbauunterrichts und wird vom jeweiligen Gartenbaulehrer betreut. Im Unterschied zum Unterricht im Schulgarten werden hier die gärtnerischen Tätigkeiten wie das Säen und Ernten in einem größeren landwirtschaftlichen Betrieb ausgeübt. Hinzu kommen neue Bereiche: Die Arbeit mit Tieren auf der Weide und im Stall, die Bäckerei und anderes mehr.

Zum Beginn des Gartenbauunterrichts in der 6. Klasse

Die Kinder an fast allen Waldorfschulen haben in den Klassen 6 bis 8 Gartenbauunterricht. Gerade in diesem Lebensalter machen die Schüler sehr große, individuelle Entwicklungsprozesse durch. So kann man immer wieder erleben, dass in der Entwicklung ein besonderer Tiefpunkt um das 14. Lebensjahr erreicht wird, der mit dem 12. Lebensjahr beginnt und um das 16. Lebensjahr ausklingt. Am Ende dieser Entwicklung ist der junge Mensch ganz auf der Erde angekommen und kann sich mit wachsender Verantwortung mit äußeren Aufgaben verbinden.

In dieser Entwicklungsphase entsteht zunächst ganz zart und dann immer größer werdend ein eigener Seelenraum. Das Kind will seine Heimat finden auf der Erde. Dieses Heimischwerden kann nicht nur über eine gedankliche Tätigkeit erreicht werden, sondern auch über ein sinnvolles Tätigwerden mit den Gliedmaßen.

So können bedeutende und wichtige Erfahrungen im Gartenbauunterricht gesammelt werden durch Sinneserfahrungen: Tasten, Riechen, Schmecken, Sehen und Hören. Auf diese Weise kann die Distanz zur umgebenden Welt überwunden werden. Das Ergreifen der Welt bleibt so nicht eine theoretische Erfahrung, sondern das Kind wird praktisch befähigt, willentlich tätig lernend in die Welt einzugreifen, indem es begreift und ergreift.

Aus diesem Grunde findet man in dem Lehrplan der Waldorfschulen bei den verschiedenen künstlerischen, handwerklichen Fächern das Fach Gartenbau. In der 6. bis 8. Klasse hat der Schüler die Aufgabe, die Bearbeitung und Umgestaltung der Erde zu erfahren und auch zu erlernen. Das Seelische des Kindes weitet und spiegelt sich in der von ihm schöpferisch mitgestalteten Umgebung.

Mit Beginn der 6. Klasse kann man an den Kindern eine wichtige und bedeutende Beobachtung machen: Ein verstärktes Knochen- und Muskelwachstum beginnt. Dabei werden die Gliedmaßen verhältnismäßig lang und eine zunehmende Ungeschicklichkeit ist zu bemerken. Die Bewegungen werden schwerer und mechanischer. Einer zu starken Verfestigung kann entgegengewirkt werden, indem in allen Fachbereichen dem Schüler gezielte und sinnvolle Tätigkeiten angeboten werden, die seine eckigen Bewegungen harmonisieren.

Bei der gärtnerischen Tätigkeit gibt es drei verschiedene Qualitäten der Arbeit: das Umgraben, Hacken und Sägen sind mehr mechanische Tätigkeiten, die sehr stark von außen auf das Skelett wirken. Das Säen, Pflanzen und Pikieren, überhaupt alle pflegerischen Tätigkeiten, gehen dagegen mehr von innen heraus, sie haben etwas Seelisches an sich. In dem sinnvollen Wechsel dieser qualitativ verschiedenen Tätigkeiten liegt eine wertvolle pädagogische Wirkung.

Ein wichtiger Bereich im Gartenbauunterricht ist eine ausführliche Gerätekunde, die Kopf, Herz und Hand in Anspruch nimmt. Da gibt es Geräte, die bei der planerischen, mehr denkerisch zu durchdringenden Tätigkeit helfen, z.B. Pflanzschnur und Reihenzieher. Dann welche, die die seelischen, pflegerischen Tätigkeiten ermöglichen: Handhacken, Pikierstab, Setzholz, Messer und Schere und darüber hinaus noch diejenigen, die die Gliedmaßentätigkeit verstärken: Spaten, Harke, Hacke, Säge, Keil, Sichel und Sense.

Zu dem sachgemäßen Einsatz und Umgang der Geräte gehört auch die (leidvolle) Erfahrung, dass nur ein gut gepflegtes und einsatzfähiges Werkzeug zu guten Arbeitsergebnissen führen kann.

Der Schüler kann im Laufe eines Jahres viele verschiedene Qualitäten der Erde kennen lernen. Er kann sie feucht-warm, kalt-trocken, krümelig-schollig oder auch wohlriechend erleben. Die Beobachtung ihrer Beschaffenheit kann ihm bei der Frage, wie ein gutes Saatbeet oder ein fruchtbarer Gartenboden beschaffen sein muss, helfen.

Wie bei jeder anderen künstlerisch-handwerklichen Tätigkeit so hat jede Tätigkeit oder ihre Unterlassung auch im Gartenbau verheerende Folgen. Beim Metalltreiben oder Schnitzen zeigen sich im Augenblick des Tuns die Folgen der Tat. Im Garten dagegen sind sie nicht sofort zu sehen, sondern sie sind erst später im Jahreslauf zu bemerken. Werden die Sommerblumen zu früh aus dem Gewächshaus oder aus dem Freiland gesetzt, können die Setzlinge durch die Eisheiligen Mitte Mai, d.h. durch einen späten Frosteinbruch, völlig vernichtet werden. Einsicht in den Jahreslauf ermöglicht gute gärtnerische Planung und führt zu erfolgreicher Arbeit. Zur guten Planung müssen Fleiß und Durchhaltekraft treten. Nur das regelmäßige Jäten, Hacken oder Aufbinden der Pflanzen krönen die Arbeit mit Erfolg.

Im tieferen Sinne bildet sich ein Schüler, indem er mit den Folgen und seiner Einsicht konfrontiert wird, ein Verantwortungsgefühl gegenüber der ihm anvertrauten Aufgabe, im weitesten Sinn ein Verantwortungsgefühl gegenüber der Erde. Aus Liebe zur Erde überwindet er Unlust und Trägheit und findet sich bereit zu sich stets wiederholenden Arbeiten, die das Gedeihen der Pflanzen ermöglichen. So kann im Gartenbauunterricht der Kern dafür gelegt werden, dass sich die Schüler in ihrem späteren Leben gegenüber den Pflanzen und Tieren und besonders der Erde, also gegenüber der gesamten Schöpfung, verantwortungsvoller verhalten. Eine solche Haltung wird in Zukunft von immer größerer Bedeutung sein.

Text: Georg-Michael Eckert

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