Wechselbild
 
 
 
»Kann man etwas nicht verstehen, dann urteile man lieber gar nicht, als dass man verurteile.«
Rudolf Steiner

Eurythmie

Text nach Frans Carlgren. 

Eurythmie ist "sichtbare Sprache" und "sichtbarer Gesang" , eine Kunst, die es früher nicht gegeben hat und die von Rudolf Steiner begründet worden ist. Rezitation oder Musik sind ihre Grundlage. Sprache und Musik "tragen" Eurythmisten über die Bühne.

Wenn man sich in Laute und Töne einlebt und diese zu eurythmischen Gebärden gestaltet, so ist das eine Tätigkeit, bei der alle Seelenkräfte und der ganze Mensch in Anspruch genommen werden; es gibt kein anderes Gebiet in der Schule, das so große Möglichkeiten hat, eines der grundlegendsten Ziele der Waldorfpädagogik zu verwirklichen: die "beseelte Körperkultur". Der spezielle erzieherische Wert, den Rudolf Steiner der Eurythmie zumaß, geht besonders aus einer Äußerung im volkspädagogischen Kurs hervor, in dem er hervorhob, dass die Eurythmie "einen solchen Willen erzeugen kann, der einem dann durch das Leben bleibt, während die andere Willenskultur die Eigentümlichkeit hat, daß sie im Laufe des Lebens wiederum abgeschwächt wird.".

Die eurythmische Arbeit an einer Waldorfschule umfasst ein breites Register, beginnend mit den einfachsten Rhythmen und Stabübungen der ersten Jahre bis zu dem ganz fortgeschrittenen Auftreten auf der Schulbühne mit lyrischen, dramatischen und musikalischen Darbietungen. Bei Monatsfeiern, Eurythmie-und Theatervorstellungen können die Schüler sich gegenseitig und den Eltern zeigen, wie weit sie gekommen sind. Oft tritt eine ganze Klasse dabei in großen Gruppendarstellungen auf. Einzelne Schüler und Schülergruppen haben dabei oft verschiedene Gebärden aufzuführen und bewegen sich gleichzeitig in unterschiedlichen Laufformen über die Bühne. Das Bewußtsein der eigenen und der zugehörigen Bewegungen der anderen erfordert gegenseitige Rücksicht, wenn die wechselreiche Skala von Bewegungen harmonisch zusammenklingen soll.

Wie ist es aber nun mit den Schülern: was halten sie im allgemeinen vom Eurythmieunterricht?
In den ersten Schuljahren kommt der Eurythmie die natürliche Liebe der Kinder zur Bewegung entgegen.

In der Oberstufe können die Schüler aus den erwachten Bewußtseinskräften Möglichkeiten der selbständigen künstlerischen Gestaltung finden. Am schwierigsten haben es die Schüler der Pubertätszeit. Eine natürliche Scheu hält sie davor zurück, sich in Bewegungen darzuleben, die so unmittelbar das Seelische zum Ausdruck bringen. Dieses Phänomen macht sich beispielsweise in der siebten und achten Klasse sehr stark bemerkbar.

Eurythmie zu unterrichten stellt also ziemlich große menschliche Anforderungen an den künstlerischen Erfindungsreichtum der Eurythmistin oder des Eurythmisten, an die Fähigkeit zu begründen und zu erklären, und nicht am wenigsten an den Humor. Eurythmie-Humoresken der verschiedenen Art zu gestalten ist ein reiches künstlerisches Arbeitsfeld, etwa für moderne Teenager und deren tiefes Bedürfnis, dem Bizarren und Grotesken Ausdruck zu geben. Es ist aber auch verständlich, dass ein Teil der Probleme, die der Eurythmieunterricht zuweilen mit sich führt, sich erst voll lösen lassen, wenn diese Kunstart keine so isolierte Stellung im Kulturleben mehr hat, wie es gegenwärtig der Fall ist.